GRI für den Mittelstand – Möglichkeiten und Leitlinien der Nachhaltigkeitskommunikation

Die Richtlinien der Global Reporting Initiative etablierten sich unter kapitalmarktorientierten und internationalen Unternehmen in den letzten Jahren zu DEM Standard für die Nachhaltigkeitsberichterstattung in Unternehmen. Obwohl eine Vielzahl internationaler Standards (vom UN Global Compact bis hin zum Umweltmanagement nach EMAS) unter einem Dach vereint sind, haben sich die Leitlinien noch nicht beim Mittelstand durchsetzen können. Woran liegt das?

Herangehensweise der KMU an Nachhaltigkeitsberichterstattung
Um die Frage beantworten zu können, ob die Leitlinien der Global Reporting Initiative (GRI) für die Nachhaltigkeitsberichterstattung im Mittelstand geeignet sind, muss man sich zunächst einmal mit der bisherigen Herangehensweise kleiner und mittelständischer Unternehmen (KMU) befassen.
Nachhaltigkeitsberichterstattung ist bei großen börsennotierten Unternehmen inzwischen die Regel, im Mittelstand allerdings immer noch die Ausnahme. Fragen, die man sich in diesem Zusammenhang stellen muss, sind folgende: sind anerkannte Standards und Leitlinien wie die der GRI zu komplex? Ist der Prozess der Nachhaltigkeitsberichterstattung zu aufwendig? Oder fehlt es KMU generell an Bewusstsein für Nachhaltigkeitsthemen? Oder ganz provokant gefragt: haben sie eventuell hinsichtlich Nachhaltigkeit nichts zu bieten?

Nun, die letzte Frage kann man definitiv mit NEIN beantworten. Der Mittelstand hat sehr wohl sehr viel an Nachhaltigkeit zu bieten, auch wenn kleine und mittlere Unternehmen das selbst manchmal anders sehen. Oft ist ihnen gar nicht bewusst, was sie bereits leisten. Daher führen Vorüberlegungen für den ersten Nachhaltigkeitsbericht Unternehmen auch oft zu grundsätzlichen Überlegungen, z.B. wie Nachhaltigkeit im Unternehmen definiert werden soll. Maßnahmen, die aus einer bestimmten Situation geboren wurden und nicht koordiniert werden (z.B. werden Energieeffizienzmaßnahmen angeordnet, weil der Chef dazu einen Bericht im Fernsehen gesehen hat), werden nicht als Nachhaltigkeit wahrgenommen. Dies sorgt mitunter für den ersten Aha-Effekt: Nachhaltigkeit heißt, sich mit den Belangen des eigenen Unternehmens und dessen Anspruchsgruppen (Stakeholdern) auseinanderzusetzen.

Hier kommt ein weiterer wichtiger Aspekt der Nachhaltigkeitsberichterstattung hinzu. Nachhaltigkeitsberichterstattung ist ein Dialog zwischen dem Unternehmen und seinen Anspruchsgruppen (z.B. Mitarbeiter, Kunden, Zulieferer, Kapitalgeber etc.). Dies bedeutet zugleich, dass Unternehmen in einen langfristigen Prozess einsteigen. Nachhaltigkeit lässt sich nicht von heute auf morgen erreichen.

Die relevanten Themen zu ermitteln, ist eine Aufgabe für ein Tagesseminar. Bis dann aber die entsprechenden Prozesse im Unternehmen installiert, die Stellschrauben für Verbesserungen entdeckt, Messpunkte für belastbares Zahlenmaterial ermittelt und das ganze schließlich in einen Bericht gefasst ist, kann ein Jahr vergehen.
Dabei ist auch zu klären, ob das Unternehmen einen eigenständigen Nachhaltigkeitsbericht braucht, ob sich eine Berichterstattung zu Nachhaltigkeitskriterien im Geschäftsbericht empfiehlt oder ob eine zielgruppenorientierte Nachhaltigkeitsbroschüre besser wäre.

Es ist egal, ob Unternehmen einen Nachhaltigkeitsbericht herausgeben wollen, weil die Konkurrenz dies bereits gemacht hat und sie im Zugzwang sind, oder das Management oder der Vertrieb erkannt haben, dass beim Thema Nachhaltigkeit mehr zu tun ist. Der Ausgangspunkt der Nachhaltigkeitsberichterstattung wird immer die Identifikation der
zentralen Nachhaltigkeitsthemen sein: welches Engagement ist sinnvoll?

Wo anfangen?
Es ist ratsam, dort zu beginnen, wo man über die beste Kontrolle verfügt, z.B. am eigenen Produktionsstandort, bevor man weitreichendere Themen anpackt. Ebensowichtig ist es, sich anfangs auf die drei oder vier wichtigsten Themen zu konzentrieren. Darauf folgen weitere grundlegende Fragen: wozu gibt es bereits Zahlenmaterial (Indikatoren)? Worüber möchte das Unternehmen kommunizieren? Oftmals stoßen Unternehmen bei der Auseinandersetzung mit sich selbst und den eigenen Belangen auch auf Themen, die für sie wichtig sind, aber an denen sie bisher nicht arbeiten. Hieraus entwickelt sich künftiges Verbesserungspotenzial, auch wenn das Thema zunächst im Bericht nur am Rande auftaucht und nicht als Kernthema auserkoren wird. Die Identifikation der Kernthemen ist sehr wichtig, aber nicht jedes Thema muss sofort umfassend kommuniziert werden.

CSR-Themen für den Mittelstand
Was sind nun aber CSR-Themen für den Mittelstand bzw. was könnten potenzielle Themen sein?
Viele KMU übernehmen Verantwortung in ihrem lokalen Umfeld, verstehen das aber nicht als CSR, weil unter ihnen noch das Bild des ehrbaren Kaufmanns als Selbstverständlichkeit vorherrscht. Auch die Energieeffizienz spielt eine zentrale Rolle. Das entscheidende Thema ist aber vermutlich der Umgang mit den Mitarbeitern. Mittelständische Unternehmen sind in der Regel regional verwurzelt und werden dadurch mit einem höheren Anspruch konfrontiert. Die Identifikation der Mitarbeiter mit ihrem Unternehmen ist bei kleinen und mittleren Unternehmen oft höher als bei den Großen, was auch wichtig ist, um Abwanderungen zu verhindern. Im Hinblick auf die Gewerkschaften sind Mitarbeiterrechte dann auch ein heikles Thema für den Mittelstand.

Ein Thema, das insbesondere in den letzten Wochen und Monaten an Fahrt gewonnen hat, ist die Verantwortungsübernahme in der Lieferkette (Supply Chain). Einerseits haben KMU selbst eine nicht so komplexe Lieferkette wie manch große Unternehmen, was ihnen oft gute Kontakte zu ihren Zulieferern ermöglicht, auch wenn diese formal nicht so gut organisiert sind. Andererseits sind sie selbst Teil einer Lieferkette. In der Fahrzeugindustrie muss beispielsweise die Materialherkunft und jeder Bearbeitungsschritt lückenlos nachgewiesen werden, weshalb bereits heute die Erstellung einer CO2-Bilanz hier eine Rolle spielt. Somit haben auch Mittelständler die Möglichkeit, Verantwortung in ihrer Zulieferkette zu übernehmen und zu dokumentieren.
Bestandteil einer Lieferkette zu sein birgt aber auch Nachteile für KMU. Der Zugang zum Endkunden ist als kleines Rädchen im großen Getriebe oft schwierig. Konsumtrends und die Anwendungsweisen und -eigenschaften ihres Produktes sind schwieriger zu beeinflussen.

Herausforderungen auf dem Weg zum Nachhaltigkeitsbericht
Die größte Herausforderung liegt darin, Leistung messbar zu machen. Hierfür muss man tief in die Management-Prozesse und in einzelne Bereiche hineingehen, um feststellen zu können, was an Datenmaterial bereits vorhanden ist und an welchen Stellen sich weitere Leistungsdaten erheben lassen. Nach einer ersten Leistungsmessung ist es üblich ein halbes Jahr zu warten und erneut zu messen.
Erst dann können ernsthaft Ziele festgelegt werden, was eine weitere Herausforderung darstellt. Ein Unternehmen muss sich immer fragen, was es selbst beeinflussen, an welchen Stellschrauben es drehen kann? Ziele wird ein Unternehmen zunächst einmal intern festlegen und auch nicht alle davon öffentlich kommunizieren – kürzere Planungszyklen als bei Großunternehmen machen diesen Prozess für KMU ohnehin sehr schwer.
Weiter lässt die fehlende Erfahrung – vielleicht auch die fehlende Unterstützung einer professionellen Kommunikationsabteilung- im organisierten Dialog mit Stakeholdern KMU Ziele eher zurückhaltend und überlegt kommunizieren.
Und letztendlich sollten KMU, die mit der Berichterstattung beginnen wollen auch nicht vergessen, dass noch kein Meister vom Himmel gefallen ist. Nachhaltigkeitsberichterstattung ist ein kontinuierlicher Prozess. Es muss nicht beim ersten Mal alles perfekt sein. Im Laufe der Zeit wird man vieles hinzulernen und verbessern können.

GRI und KMU?
Nun aber zurück zur eingangs gestellten Frage, ob die Richtlinie der GRI für die Nachhaltigkeitsberichterstattung von KMU geeignet ist. Ja, ist sie. Im Grunde ist die GRI-Leitlinie eine Ideensammlung. Sie gibt kostenfreie und gute Hinweise, wie Leistungen abgebildet und beschrieben werden können. Außerdem lässt sich die Vollständigkeit einer Berichterstattung daran ausgezeichnet überprüfen. Die in den GRI Guidelines verankerte Idee der Wesentlichkeit ist dabei ein zentrales Element: Unternehmen sollen ihre Kernthemen adressieren.
Der umfangreiche Index der GRI bedeutet aber nicht, dass jeder Nachhaltigkeitsbericht mindestens 300 Seiten umfassen muss. Der Nachhaltigkeitsbericht von KMU kann auch mit 20 Seiten überzeugend und aussagekräftig sein. In der Kürze liegt die Würze…
Ein überzeugendes, wie aussagekräftiges Beispiel liefert hierfür das Druckhaus Berlin Mitte.

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